OVP screening In the Landscape :
17 February 08

 

 

In the Landscape / Landschaften
A screening by OVP!
February 17, 2008

 

PROGRAM


Rob Carter
Foobel (An Alternative History)
2005, 8’56’’



Julita Wòjcik:
Pust' wsiegda budiet' solnce
/ Let There Always Be Sun
somewhere in the East

October 1, 2004, 10'41", DVD



William Lamson:
Joshua Tree Launch Series
2006, 3’01’



Rainer Ganahl:
A Bold Line – Back and Forth –
Bicycling Madison Avenue,

2006, 5’47’’



Olaf Nicolai:
Und jedem Ende wohnt ein Anfang Inne
2001, 5’40’’



Marco Raparelli
Restroom
2005, 3’51’’



Kate Gilmore
Anything...
2006, 12’24’’



 

MARTa Herford zeigt eine Auswahl aktueller Videoarbeiten internationaler Künstler, die sich mit audio-visuellen Formaten und Techniken auseinandersetzen. Die Arbeiten stammen aus dem Videoarchivprojekt OPEN VIDEO PROJECTS (derzeit in Rom), das Formen des Mediums Video untersucht und die Präsentation der Filme weltweit ermöglicht.

Die Auswahl dieses Filmprogramms umfasst Videoarbeiten, in denen das Thema Landschaft unter ver-schiedenen Aspekten eine besondere Rolle spielt: als Ort performativer Aktion oder Inszenierung, als „Material“ filmischer Gestaltung, als narratives Element oder als Bezugssystem.

Rob Carter: Foobel (An Alternative History), 2005
8’56’’
„In meinen Video- und Fotoarbeiten untersuche ich das Medium Papier einerseits als physikalisches Objekt und andererseits als Form der Dokumentation von Realität. Die Bilder basieren oft auf einer theatralen Manipulation oder Illusion, aber brauchen diese Mechanismen auch, um zu informieren oder die Wahr-nehmung von Bildern zu erweitern – nicht, um den Betrachter zu täuschen. In meinem letzten Film arbeitete ich mit Video-Animation und fotografischer Rekonstruktion, die die Theatralität von Architektur und Landschaft in den Blickpunkt rücken.“  (Rob Carter)
Der Film „Foobel“ beginnt mit einem Blick aus Vogelperspektive auf eine idyllische Landschaft. Auffällig sind die Einschnitte in die Landschaft, die sie als ein künstliches Modell entlarven, und die Schritt für Schritt deren Erscheinung verändern: während die natürliche Landschaft allmählich verschwindet, werden eine Rollrasenfläche und nach und nach die anderen Bestandteile eines letztendlich großen Fußball-stadions eingefügt. Der Film des in New York lebenden Künstlers ist als direkte Antwort auf die politischen Argumente für den Bau monströser Stadien in den USA und Großbritannien zu verstehen und zeigt den Wahnwitz einer unaufhörlich wachsenden Welt, was das absurde Bedürfnis der Menschen nach Massen-events wie im Fußballsport betrifft.

Julita Wójcik: Pust' wsiegda budiet' solnce /
Let There Always Be Sun somewhere in the East, October 1, 2004
10’41’’
In dem Film der polnischen Künstlerin lässt ein Mädchen lächelnd einen wie eine Sonne geformten Drachen steigen, während es die sowjetische Hymne der „jungen Pioniere“ summt („Lass die Sonne immer scheinen“, Komposition (1962): Arkady Ostrovsky, Text: Lev Oshanin; ein im Ostblock populäres Lied über den Frieden). Das scheinbar unschuldige Spiel des Mädchens wirft Fragen auf, etwa nach einer politischen Bedeutung des Bildes vom Drachen-steigen-lassen. Der blaue Himmel mag an die zahlreichen Mai-Paraden in der damaligen UdSSR erinnern, als auf künstliche Weise gezielt für schönes Wetter gesorgt wurde.
Der Film reflektiert das Bewusstsein einer vergangenen Ära sozialistischer Realität, die in der Erinnerung der Menschen weiterlebt und deren kommunistischer Ballast nicht so schnell zu entfernen ist. Wójcik zeichnet mit ironischem und provozierenden Blick ein zugleich nostalgisches Bild dieser Zeit.
In ihren Filmen thematisiert die Künstlerin gesellschaftliche Konventionen, die sie aus einem sehr per-sönlichen Blickwinkel betrachtet. Es sind oft poetische Geschichten, „typisch für ein Mädchen aus der Provinz“, wie sie sich selbst bezeichnet. Tätigkeiten des täglichen Lebens wie z. B. Gartenarbeit setzt sie in einen künstlerischen Kontext, und verleiht ihnen damit eine tiefere Bedeutung, stellt gleichzeitig aber das Elitäre der Kunst in Frage.    

William Lamson: Joshua Tree Launch Series, 2006
3’01’’
„Die Besessenheit des Mannes von Ruhm, Ehre und persönlichem Heldentum hat so viele Helden in heutiger Zeit angeregt wie sie auch Abenteurer in die Irre geführt hat.“
So wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen agieren die Protagonisten in Lamsons Filmen als Helden in Handlungen, die Versuche darstellen, bestimmte Ziele zu erreichen, Versuche, die verspielt, sinnlos und selbstzerstörerisch zugleich erscheinen. Dieser Film zeigt, wie ein Mann wiederholt versucht, einen Flieger mittels einer Geschosskonstruktion in die Luft zu bringen, die in der steinigen menschen-
leeren Landschaft fixiert worden ist. Sein konzentriertes wie kindlich anmutende Spiel zeugt vom uner-müdlichen Streben eines Erfinders nach Erfolg sowie indirekt vom Traum des Fliegens. 
„Das Bestreben zu fliegen, egal wie misslungen oder hoffnungslos der Versuch ist, versetzt den Amateur in die Position eines Helden, der seinen Platz auf der Erde überwinden will. Dieses Projekt untersucht die
Bemühungen des Fliegens, wenn es das körperliche Bedürfnis darstellt, der Erde zu entfliehen als auch die metaphysische Hoffnung,  mit dem Geistigen eins zu werden.“ (William Lamson)

Rainer Ganahl: A Bold Line – Back and Forth – Bicycling Madison Avenue, 2006
5’47’’
„In diesem Videofilm versuchte ich, streng „der Linie zu folgen“, und fuhr mit dem Rad auf der breiten Linie entlang der Einbahnstraße, die auf der Madison Avenue zwischen der 42sten und 59sten Straße die Busfahrbahn von der anderen trennt. Die Kamera war an einem 4 m langen Metallstab befestigt, was eine recht schwere Konstruktion war, die das Balancieren während des Fahrens (50% gegen die Fahrrichtung) erschwerte. In vielen Ansichten werden die Verkehrsregeln in der Stadt mittels der so installierten Kamera filmisch abgebildet. Ein poetischer Blick aus Vogelperspektive zeigt ungewöhnliche Bilder der Stadt und wie ich auf seltsame Weise auf alltäglichen Wegen unterwegs bin. Nicht zuletzt inspirierte mich die Moderne mit ihren „Obsessionen“ von geraden Linien und Rastern. Straßenlinien sind Schnittstellen des Verkehrs und regulieren unser Verhalten. Die Straße praktisch gegen ihre Laufrichtung zu lesen, ist aufregend, und es bedarf einiger akrobatischer Disziplin und Courage, um den gesunden Menschenver-stand auszuschalten.“ (Rainer Ganahl)

 

Olaf Nicolai: Und jedem Ende wohnt ein Anfang Inne, 2001
5’40’’
In dieser Videoarbeit kombiniert Olaf Nicolai eine Sequenz aus Michelangelo Antonionis Film „Zabriskie Point“ (1969) mit einer Komposition von Robert Lippok (von der Band „To Rococo Rot“) in Anlehnung an die „5. Sinfonie“ von Gustav Mahler. Diese Musik hat einen Loop-ähnlichen Effekt und untermalt die konti-nuierliche Bildfolge von explodierenden Häuser.
Diese Arbeit entstand, als der Künstler erfuhr, dass der Original-Soundtrack nicht wie überliefert von der Gruppe Pink Floyd, sondern von einer amerikanischen Rockband stammte, die aber als zu antikonfor-mistisch galt. Im Werk Nicolais, der mit unterschiedlichen Materialien arbeitet, ist die Wiederholung ein bedeutendes Arbeitsprinzip: er erforscht Fragen der Natur- und Geisteswissenschaften, die er in einem neuen, ästhetisch konstruierten Kontext erfahrbar zu machen versucht.

Marco Raparelli: Restroom, 2005
3’51’’
Dieser Animationsfilm basiert auf schwarz-weiß gezeichneten Bildern, die die absurde Geschichte eines dicken Mannes erzählen: beim Betreten eines Badezimmers findet er sich mit zwei anderen Männern an einem Strand wieder, um – in akrobatischen Übungen – Regentropfen in einem Glas aufzufangen, welches er nachher – zurück in seiner Realität – in ein Pissoir entleert. Der Künstler setzt dabei seine Art der Inszenierung surrealer Welten und absurder Erzählung in direkte Beziehung zur Idee der Dada-Kunst, wenn er in einer Rahmenhandlung des Films die Hauptfigur den Filmprojektor auf  einen Stapel Kunst-bücher aufbauen lässt.
„Ich arbeite mit verschiedenen Medien wie Zeichnung, Malerei und Videoanimation. Ich denke, dass die Zeichnung meine Ideen am besten darstellt. Die Erzählung ist das wichtigste Charakteristikum in meinen Videoarbeiten. Sie ist jedoch nie der Ausgangspunkt, sondern eher die Konsequenz einer Weitentwicklung von Themen, die durch sehr präzise Bilder dargestellt sind, die Empfindungen hervorrufen. Animationsfilme zu machen, bedeutet, zu konkretisieren, was das Bild selbst in sich verbirgt, es ist eine freie, improvisierte Entwicklung einer Bildidee, die andere Bilder in sich trägt, und diese miteinander verbindet, um unendliche Mikrowelten zu schaffen.“ (Marco Raparelli)

Kate Gilmore: Anything..., 2006
12’24’’
Die in New York lebende Künstlerin Kate Gilmore inszeniert in ihren Video-Performances Situationen, die für sie persönlich als Protagonistin sowie für den Betrachter unbequem oder unangenehm sind. Sie bringt sich darin selbst in eine missliche Lage, die schmerzvoll, sogar gefährlich und ausweglos scheint und beim Betrachter eine seltsame Form von Mitgefühl erzeugen mag.
In „Anything...“ blickt der Betrachter aus der Vogelperspektive auf die Künstlerin herab, wie sie versucht, etwas in der Höhe zu erreichen, indem sie ihre Händen in Richtung des Betrachters streckt. Sie stapelt nach und nach Stühle und Tische aufeinander, die sie mit einem violettem Band lose zusammenbindet, um mit Hilfe dieser bedenklichen Konstruktion das Gewünschte zu erreichen. Die Sorgfalt, mit der Gilmore ihre Performances im Detail, etwa in den Requisiten, konzipiert, täuscht über das Sinnlose der Handlung hinweg und offenbart die Idee der Farce, die Gilmores humorvollen Filmen innewohnt.